Die Deutsche Bahn wirbt mit dem Slogan „Mehrweg für die Umwelt“ und verkauft in ihren ICE-Zügen spezielle Pfandflaschen. Ein halber Liter Mineralwasser kostet dabei 3,80 Euro, wobei ein Teil des Erlöses an Trinkwasserprojekte gespendet wird. Doch was zunächst nach einer vorbildlichen Nachhaltigkeitsinitiative klingt, entpuppt sich für viele Reisende als praktisches Problem: die Flaschen können außerhalb der Züge nirgendwo zurückgegeben werden. Supermärkte und Getränkemärkte lehnen die Rücknahme ab, was bei Fahrgästen für Verwirrung und Unmut sorgt.
Die Herausforderungen der Pfandflaschen in den Zügen
Besondere Flaschentypen im Bahnbetrieb
Die Deutsche Bahn setzt seit Anfang 2023 auf ein spezielles Mehrwegsystem, das exklusiv für den Bahnbetrieb entwickelt wurde. Diese Flaschen unterscheiden sich von handelsüblichen Pfandflaschen und sind Teil eines geschlossenen Kreislaufsystems. Während der Zugfahrt können Reisende ihre leeren Flaschen problemlos beim Bordpersonal abgeben und erhalten ihr Pfand zurück. Die Schwierigkeiten beginnen jedoch, sobald die Fahrgäste den Zug verlassen.
Unerwartete Hindernisse nach der Zugfahrt
Viele Reisende erleben eine unangenehme Überraschung, wenn sie versuchen, ihre leeren Pfandflaschen nach der Ankunft in einem Supermarkt oder Getränkemarkt zurückzugeben. Die Automaten erkennen die speziellen Bahnflaschen nicht, und auch das Personal kann sie nicht annehmen. Die Gründe dafür sind vielfältig:
- Die Flaschen gehören zu einem proprietären System der Deutschen Bahn
- Sie sind nicht im regulären Handel erhältlich
- Das Rücknahmesystem ist ausschließlich auf den Bahnbetrieb ausgerichtet
- Händler sind nicht verpflichtet, bahneigene Pfandflaschen anzunehmen
Diese Situation führt dazu, dass Fahrgäste entweder die Flaschen mit nach Hause nehmen oder sie entsorgen müssen, ohne das Pfand zurückzuerhalten. Die praktischen Herausforderungen werfen Fragen zur Umsetzung der Nachhaltigkeitsstrategie auf.
Warum die Deutsche Bahn sich für das Pfandsystem entschieden hat
Umweltschutz als zentrale Motivation
Die Einführung des Mehrwegsystems erfolgte aus ökologischen Überlegungen. Die Deutsche Bahn möchte ihren ökologischen Fußabdruck verringern und Einwegplastik aus ihren Zügen verbannen. Das Unternehmen verweist darauf, dass Mehrwegflaschen deutlich umweltfreundlicher sind als Einwegverpackungen, da sie mehrfach verwendet werden können und weniger Ressourcen verbrauchen.
Soziales Engagement durch Spendenprojekte
Ein Teil des Verkaufserlöses fließt in Trinkwasserprojekte für Bedürftige. Diese soziale Komponente soll das Konzept zusätzlich aufwerten und den höheren Preis rechtfertigen. Die Bahn kommuniziert diese Initiative als Beitrag zu globaler Gerechtigkeit und nachhaltiger Entwicklung.
Erweiterung des Mehrwegangebots
Neben den Pfandflaschen hat die Deutsche Bahn auch Glas- und Porzellangefäße im Bordbistro eingeführt. Diese werden allerdings ohne Pfand ausgegeben und bleiben im Zug. Die verschiedenen Mehrwegoptionen zeigen den Willen des Unternehmens, nachhaltiger zu wirtschaften, werfen aber gleichzeitig Fragen zur Praktikabilität auf.
Das Fehlen der Rückgabe im Supermarkt
Geschlossenes Kreislaufsystem der Bahn
Eine Bahnsprecherin erklärte, dass die Flaschen direkt von der Deutschen Bahn an die Hersteller zurückgeführt werden. Dieses geschlossene System macht eine Rückgabe bei Dritten unmöglich. Der Kreislauf funktioniert folgendermaßen:
| Station | Prozess |
| Verkauf im Zug | Fahrgast kauft Getränk mit Pfand |
| Rückgabe im Zug | Leere Flasche wird an Bordpersonal zurückgegeben |
| Sammlung | Flaschen werden zentral gesammelt |
| Rückführung | Transport zum Hersteller zur Reinigung und Wiederbefüllung |
Rechtliche und logistische Grenzen
Supermärkte und Getränkemärkte sind gesetzlich nicht verpflichtet, Pfandflaschen zurückzunehmen, die sie nicht selbst verkauft haben. Da die speziellen Bahnflaschen nicht im Handel erhältlich sind, fehlt die rechtliche Grundlage für eine Rücknahmepflicht. Die logistischen Systeme der Händler sind zudem nicht auf diese Flaschen ausgerichtet.
Konsequenzen für die Reisenden
Praktische Unannehmlichkeiten im Alltag
Für Fahrgäste entstehen verschiedene praktische Probleme. Wer am Zielbahnhof aussteigt und keine Möglichkeit mehr hat, die Flasche im Zug zurückzugeben, muss sie entweder mitnehmen oder das Pfand verlieren. Besonders betroffen sind:
- Geschäftsreisende mit wenig Gepäck
- Touristen, die direkt weiterreisen
- Pendler, die täglich unterwegs sind
- Reisende, die in Eile den Zug verlassen müssen
Finanzielle Aspekte und Vertrauensverlust
Der Preis von 3,80 Euro für einen halben Liter Wasser ist bereits deutlich höher als im Einzelhandel. Wenn das Pfand nicht zurückerstattet werden kann, wird das Getränk noch teurer. Dies führt zu Frustration und Vertrauensverlust bei den Kunden, die sich getäuscht fühlen.
Mögliche Lösungen der Deutschen Bahn
Verbesserte Kommunikation und Information
Die „Stuttgarter Zeitung“ kritisierte die mangelnde Kommunikation der Deutschen Bahn zu diesem Thema. Eine klare Information beim Verkauf würde bereits helfen, falsche Erwartungen zu vermeiden. Mögliche Maßnahmen könnten sein:
- Deutliche Hinweise auf den Flaschen selbst
- Information durch das Bordpersonal beim Verkauf
- Aushänge in den Zügen und Bahnhöfen
- Digitale Hinweise in der Bahn-App
Erweiterte Rückgabemöglichkeiten
Die Bahn könnte Rückgabestationen an größeren Bahnhöfen einrichten. Automaten oder Servicestellen würden es Reisenden ermöglichen, ihre Pfandflaschen auch nach der Zugfahrt zurückzugeben. Dies würde das System kundenfreundlicher gestalten und die Rücklaufquote erhöhen.
Alternative Ansätze zur Nachhaltigkeit
Eine weitere Möglichkeit wäre die Rückkehr zu standardisierten Pfandflaschen, die im regulären Handel zurückgegeben werden können. Alternativ könnte die Bahn auf pfandfreie Mehrwegsysteme setzen, bei denen die Gefäße im Zug verbleiben, ähnlich wie bei den bereits eingeführten Glas- und Porzellangefäßen.
Umwelteinflüsse der nicht zurückgegebenen Flaschen
Rücklaufquote und ökologische Bilanz
Die Deutsche Bahn gibt an, dass in nahezu 100 Prozent der Fälle die Flaschen zurückgenommen werden. Diese Zahl erscheint optimistisch und wird von Beobachtern angezweifelt. Wenn Flaschen tatsächlich nicht zurückgegeben werden, hat dies negative Auswirkungen auf die Umweltbilanz des Systems.
Vergleich mit herkömmlichen Pfandsystemen
Herkömmliche Pfandsysteme im Einzelhandel erreichen Rücklaufquoten von über 95 Prozent. Dies liegt an der flächendeckenden Verfügbarkeit von Rückgabestellen. Das eingeschränkte Rückgabesystem der Bahn könnte diese Quote gefährden und damit den ökologischen Vorteil des Mehrwegsystems zunichtemachen.
Langfristige Nachhaltigkeitsziele
Für eine positive Umweltbilanz ist es entscheidend, dass die Flaschen tatsächlich mehrfach verwendet werden. Jede nicht zurückgegebene Flasche bedeutet verschwendete Ressourcen und zusätzlichen Müll. Die Deutsche Bahn muss sicherstellen, dass ihr System nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis nachhaltig funktioniert.
Die Initiative der Deutschen Bahn, auf Mehrwegflaschen umzusteigen, ist grundsätzlich ein positiver Schritt in Richtung Nachhaltigkeit. Die praktische Umsetzung weist jedoch erhebliche Schwächen auf. Die fehlende Möglichkeit, Pfandflaschen außerhalb der Züge zurückzugeben, schafft unnötige Hürden für Reisende und gefährdet den Erfolg der Initiative. Eine transparentere Kommunikation, erweiterte Rückgabemöglichkeiten und eine Überprüfung des Systems könnten dazu beitragen, dass die Umweltziele tatsächlich erreicht werden. Nur wenn die Mehrweglösung für Fahrgäste praktikabel ist, kann sie langfristig funktionieren und ihren ökologischen Nutzen entfalten.



